Ausstellung: „Umkämpfte Vergangenheit“. Die Erinnerung an den Spanischen Bürgerkrieg und den Franquismus

Als Ergebnis einer zweiwöchigen Bildungsreise hat die AG Geschichtspolitik des Vereins Grenzenlos e.V. eine Ausstellung zur Geschichte des Spanischen Bürgerkriegs und des Franquismus entwickelt. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht die Erinnerung an Bürgerkrieg und Franquismus in verschiedenen Teilen Spaniens und Frankreichs. Die Ausstellung wird zum 75. Jahrestag des Beginns des Bürgerkriegs am 17. Juli 2011 eröffnet und von da an für zwei Wochen im Haus der Demokratie und Menschenrechte in Berlin zu sehen sein.
Nach einer allgemeinen Einleitung und einer Einführung in die Geschichte des Bürgerkrieges und des Franquismus stellt die Ausstellung auf insgesamt 17 Tafeln jeweils kurz die Geschichte einzelner Regionen (Baskenland, Katalonien und Südfrankreich) im Bürgerkrieg und danach vor und geht dann auf spezifische Erinnerungsorte- und projekte ein. Der Fokus liegt auf der Darstellung unterschiedlicher erinnerungspolitischer Zugänge, die je nach politischem Kräftegewicht und regionaler Geschichte variieren.
Mit der Ausstellung wollen wir neben dem Bürgerkrieg vor allem auf die umkämpfte Erinnerung im spanischen Staat aufmerksam machen und deren unterschiedliche Akteure beleuchten. Mit der Vorstellung einiger Initiativen wollen wir erinnerungspolitische Ansätze stark machen, die sich jenseits der offiziellen Rhetorik bewegen, für historische Gerechtigkeit eintreten und Kontinuitäten benennen.
Die Ausstellung ist als Wanderausstellung konzipiert und besteht aus sog. Roll-ups, leicht transportablen Aufstellern. Wenn Ihr Interesse daran habt, die Ausstellung in Eurer Stadt zu zeigen, meldet Euch bei uns (bildungsreise@riseup.net). Sie steht ab Anfang August zur Verfügung.

Im Juli 2011 jährt sich der Beginn des Bürgerkriegs zum 75. Mal. Mit dem am Ende siegreichen Aufstand der rechten Militärs um Franco und dessen Unterstützung durch weite Teile des Bürgertums, des Adels und der katholischen Kirche fand die Spanische Republik ihr Ende. Aber in Spanien wurde nicht nur der Versuch einer linken Republik begraben. Als weltweites Symbol des Aufbruchs und des Neubeginns nach 1917 und als vorweggenommener Kampf gegen den Faschismus ging mit der Spanischen Republik auch ein Stück Hoffnung unter. In gewisser Weise war der franquistische Putsch, den die faschistischen Staaten Deutschland und Italien massiv unterstützen, die Feuerprobe für den 2. Weltkrieg. Noch im März 1939 besetzen deutsche Truppen auf Befehl Hitlers Teile der Rest-Tschechei. Im September begann mit dem Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg.
Dem Sieg der Franco-Truppen im Frühjahr 1939 folgte lang anhaltende Repression, die in den Gebieten besonders heftig war, in denen die ArbeiterInnenbewegung und die sich vom großspanischen Nationalismus distanzierenden Unabhängigkeitsbewegungen am stärksten waren. Nach 1945 gelang es wider Erwarten nicht, die Herrschaft Francos zu beenden. Im Kalten Krieg war das franquistische Regime eher Verbündeter als Feind der West-Alliierten. Erst nach dem Tod Francos fand die Diktatur 1977 ihr Ende und ging unter Beteiligung der alten Eliten aus Militär, Verwaltung, Wirtschaft und Polizei in eine parlamentarische Monarchie über.
Die politischen Ziele der Linken, die in den sechziger Jahren in unzähligen Streiks und Massendemonstrationen wieder an Stärke gewonnen hatte, waren damit nicht erfüllt. Aber viele, die nach 1939 nicht aufgegeben, die in Frankreich in den Reihen der Résistance gegen die Nazis, als Maquis bewaffnet in Spanien und später in den illegalen Gewerkschaften und Parteien gekämpft hatten, ließen sich notgedrungen auf den „Pakt des Schweigens“ ein. Der Übergang zu normalen westeuropäischen (d.h. demokratisch-kapitalistischen) Verhältnissen wurde mit der Straffreiheit der franquistischen TäterInnen und einem staatlich gepflegten Vergessen erkauft.
Diese Schweigen hatte von Beginn an Risse. Es dauerte aber bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts, bis sich die Unzufriedenheit steigerte, mehr und mehr Menschen nach dem Schicksal ihrer Verwandten fragten und überall im Land erinnerungspolitische Gruppen entstanden. Beschleunigt hatte diesen Prozess nicht zuletzt die bisweilen ungebrochen positive Bezugnahme der rechten Regierung unter José María Aznar auf die Franco-Diktatur und die anhaltenden öffentlichen Auseinandersetzungen um die Deutungshoheit über den Spanischen Bürgerkrieg.
2007 verabschiedete die sozialdemokratische Parlamentsmehrheit das „Ley de la Memoria Histórica“ (Erinnerungsgesetz), das die gesellschaftliche Diskussion verbreiterte. Vorangegangen waren heftige politische Auseinandersetzungen nicht nur mit der politischen Rechten. Auch große Teile der Linken kritisieren das Gesetz als nicht weitgehend genug. Seitdem wurde nach Schätzungen etwa ein Siebtel der Massengräber exhumiert. Ehemalige RepublikanerInnen fanden posthum Anerkennung und viele Franco-Denkmäler wurden (nach 30 Jahren!) demontiert. Die Spaltung der Gesellschaft, die der faschistische Putsch und der Bürgerkrieg hinterlassen haben, ist dennoch vor allem in den ländlichen Regionen bis heute nicht überwunden, auch wenn viele Bürgerkriegsbeteiligte mittlerweile gestorben sind.
Trotz des Erinnerungsgesetzes existiert keine gemeinsame Erinnerungslandschaft in Spanien. Je nach Region und Ort differieren die Ansätze teilweise beträchtlich oder stehen sich konträr gegenüber. So kämpft beispielsweise im Baskenland die Gruppe „Ahaztuak 1936-1977“ um ein Sichtbarmachen historischer Orte wie ehemaliger Konzentrationslager und Gefängnisse und setzt sich auch für eine strafrechtliche Verfolgung noch lebender TäterInnen ein. Gleichzeitig entsteht in der Ebro-Region, wo die letzte große Schlacht des Bürgerkrieges stattfand, eine auf unpolitischen bis militaristischen Tourismus ausgerichtete Erinnerungslandschaft mit zahlreichen Museen auf der Basis einer Botschaft der Versöhnung, die sowohl RepublikanerInnen als auch FranquistInnen als ‚Schuldige‛ bzw. ‚Unschuldige‛ darstellt – getreu dem Motto: „Über den Gräbern reichen wir uns die Hände.“ Eine Sondersituation stellt die Erinnerung an den Spanischen Bürgerkrieg in Südfrankreich dar, zumal sich hier gesellschaftliche Kontroversen über die Résistance, die Rolle des Vichy-Regimes und die Geschichte der exilierten RepublikanerInnen überkreuzen. Der französische Staat hat seine Verantwortung für die zahlreichen (Konzentrations)Lager, in welchen die spanischen Flüchtlinge nach 1939 interniert wurden, lange Zeit verleugnet. Erst in den letzten Jahren sind hier Gedenkstätten und -orte entstanden, die vielfach auf die Initiative kleinerer erinnerungspolitischer Gruppen zurückgehen.
Ob eine Gesellschaft Raum zum Erinnerung hat und wie sie erinnert, sind keine nebensächlichen Fragen. Insbesondere für die Linke ist es wichtig, dass sie sich ihre eigene Erinnerung jenseits des antitotalitären Konsens und der Bemühungen historischer Nivellierung bewahrt. Die Deutungshoheit über die eigene Geschichte und ein kritisches Verhältnis zur Tradition linker Bewegungen und Kämpfe ist auch eine Voraussetzung für den Beginn eines neuen linken Projektes. In diesem Sinne will die Ausstellung über die umkämpfte Vergangenheit in Spanien auch ein Beitrag zum Gedächtnis der Linken sein.